Teil 1: Essen neu erlernen

Mein erster Schritt zur Heilung meiner Diätmacke ist es, wieder zu lernen ohne Angst vor Kalorien und vor allen Dingen ohne Angst vor dem wieder unkontrolliert Zunehmen zu essen.

Essen kann verdammt Angst einjagen. Klar, jeder muss jeden Tag essen. Aber tatsächlich das Essen, auf das ich Hunger habe? So viel Essen wie ich will?

Das bedeutete für mich bisher immer, ich werde wieder fett. Ich esse unkontrolliert und mit Heißhunger alles, was vorher verboten war. Ich esse Kuchen, Chips und Schokolade, Brote mit Nutella und Eisbecher und alle schrecklichen und hochkalorischen Sachen.

Denn so war es „immer“.

Diät, „normal“ Essen, dringend wieder Diät, „normal“ Essen, dringend wieder Diät.

Aber wir wollen ja die Diätmacke heilen. Natürlich will ich immer noch abnehmen. Der Wunsch geht ja nicht weg, nur weil ich jetzt weiß, dass ich eine Diätmacke habe. Jedoch kann ich mich nicht mehr dem Mangel einer Diät aussetzen. Also ist das Ziel des Abnehmens sehr weit zurückgestellt. Ich möchte gesund werden und die Diätmacke heilen.

Also muss ich etwas tun, dass ich noch nie zuvor getan habe.

VERTRAUEN IN MEINEN KÖRPER HABEN! VERTRAUEN IN MICH HABEN!

Mir bedingungslos jedes Essen erlauben.

Jede Einteilung in gutes oder schlechtes Essen vergessen.

Und das ist viel schwieriger, als einem Diätplan zu folgen.

Mein erstes Ziel ist es also, die Diatmacke zu heilen. Und dabei zu wissen, eine über 30 Jahre immer wieder gefütterter Macke heilt nicht in ein paar Wochen.

Wie kann ich dann darauf vertrauen, dass mein Körper weiß, was gut für mich ist?

Ziel ist es, jene Fähigkeiten wiederzuerlangen, die Kinder ganz automatisch drauf haben.

Essen, wenn man körperlichen Hunger hat.

Genau das zu essen, nachdem der Körper verlangt und mit dem man sich wohl fühlt.

Aufhören, wenn man satt ist, aber nicht überfressen.

Das ist am Anfang sehr, sehr ungewohnt.

Wie fängt man überhaupt an? Es mag schwer sein, überhaupt zu erkennen, dass man Hunger hat. Oder Hunger von Durst zu unterscheiden.

Ich hatte schon letztes Jahr einen Artikel über den Hunger geschrieben: Kann ich meinen Hunger beim Abnehmen mögen? Da findet man einige, gute Erläuterungen über Hungerarten und wie man körperlichen Hunger von anderen Hungerarten abgrenzt.

Also habe ich zuerst geübt zu erkennen, wann ich wirklich Hunger habe. Das erstaunlichste dabei war, wie oft ich eigentlich Durst anstatt Hunger hatte. Das war mir vorher nicht bewusst.

Ich beobachtete mich selber, horchte in mich hinein und überlegte, ob das jetzt Hunger ist. Oder ist es Schlungsucht, wie ich es nenne, dieser Essdrang, dieses Grasen.

Ein zuverlässiger Indikator für echten Hunger ist z.B. das es viel besser schmeckt, wenn man anfängt zu essen. Und wenn der Magen schon knurrt, dann ist es sowieso höchste Zeit. Oft habe ich einfach nur ein flaues Gefühl oder fühle mich etwas gereizt.

Und es überhaupt so weit kommen zu lassen, dass man wieder Hunger hat, erfordert ein wenig Mut. Den Hunger ist ja kein angenehmes Gefühl. Aber ich rate euch, einfach mal zu warten, bis ihr euch sicher seit, dass es richtiger, körperlicher Hunger ist. Nur zu Beginn, um das Gefühl wieder kennenzulernen.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, was zu essen? Wenn der Hunger schon brüllt und sehr stark ist, dann ist es schon zu spät. Dann stopfe ich mit voll mit irgendwas, was gerade zu finden ist und die Wahrscheinlichkeit, dass ich dann aufhöre, bevor ich mich überfresse, ist sehr gering.

Am Anfang kann sich der Hunger z.B. sehr oft melden, weil es ja etwas total Neues ist, dass er gestillt wird, wenn er sich meldet.

Und es wird auch normal sein, dass man zuerst viele der Lebensmittel isst, die lange verboten waren. Das gibt sich wieder. Denn jedes Nahrungsmittel muss auf jeden Fall bedingungslos erlaubt sein.

Wenn man also ein echtes, körperliches Bedürfnis verspürt, dann sollte man essen. Langsam und achtsam. Damit man merkt, wenn man satt ist. Das wird nicht immer auf Anhieb klappen. Es ist eine Sache der Übung, wie ganz viele andere Dinge auch.

Schade, ich bin schon satt.

Bei mir war oft echtes Bedauern im Spiel, weil es oft so gut schmeckte und ich gerne noch weiter gegessen hätte, obwohl ich schon satt bin. Aber ich darf ja jederzeit wieder etwas essen, wenn ich wieder Hunger habe. Und ich darf genau jenes nochmal essen, das mir so gut geschmeckt hat.

Und ich habe so gut kochen gelernt, dass ich mir ganz viele Leckereien schnell selber zubereiten kann. Das ist ein großer Vorteil.

Ihr glaubt gar nicht, wie gut das Essen schmeckt, wenn man hungrig ist, genau das isst, was man möchte und man voller Freunde und mit gutem Appetit essen darf.

Das sind Festessen, jeden Tag.

Ein paar kleine Regeln gibt es dennoch, die mir immer noch sehr schwerfallen.

Ich möchte das essen genießen mit allen Sinnen. Jedoch hatte dies bisher in meinem Leben keinen großen Stellenwert. Ich soll nur essen?

Ohne Ablenkung, ohne Fernsehen, ohne Zeitung, ohne Handy? Ohne Hektik und ohne Zeitdruck?

Ja, das wäre gut.

Auch das ist eine Sache der Übung, die mir immer noch schlecht gelingt. Ich finde, nur essen ist langweilig und ineffizient. Ich bin so darauf getrimmt, viele Dinge auf einmal und möglichst effizient zu erledigen, dass ich es schwer finde mir Zeit zu nehmen für eine Sache wie essen, die ich auch nebenbei erledigen kann.

Aber ich bringe mich damit um den Genuss und um Ruheinseln im stressigen Alltag. Ich nehme dem Körper und Geist die Möglichkeit zu genießen, gründlich zu kauen und die Sättigung genau wahrzunehmen.

An diesem Punkt muss ich noch sehr an mir arbeiten, vielleicht könnt ihr dies schon besser als ich.

Und wann bin ich wirklich satt? Wenn mir schon der Hosenknopf platzt und mir schlecht ist, dann bin ich überfressen. Am besten erkenne ich die beginnende Sättigung bei mir daran, dass meine Essgeschwindigkeit sinkt.

Schaufel ich noch am Anfang mit Schwung und Begeisterung Gabel oder Löffel in meinen Mund wird die Essgeschwindigkeit und der Elan irgendwann im Laufe der Mahlzeit deutlich weniger. Dann ist es Zeit aufzuhören und nachzuspüren, ob ich satt bin. Und wenn noch was rein muss, dann nehme ich eben nach.

Wenn was auf dem Teller bleibt? Dann werfe ich es weg! Ich esse nichts mehr auf, nur weil es noch auf dem Teller liegt. Und wenn das zu oft vorkommt, dann sollte ich mir kleinere Portionen nehmen und nehme dann nach.

Eine Warnung: Das hier ist keine versteckte weitere Diät, bei der man zu essen aufhört, sobald man vermeintlich ein bisschen satt ist. Denn nur ein bisschen satt reicht nicht.

Wenn man immer nur ein bisschen satt ist, dann kommen wahrscheinlich irgendwann die Fressattacken wieder, nach denen man dann komatös auf der Couch liegt.

Der Körper muss sich sicher sein dürfen, dass er satt wird. Angenehm soll es sich anfühlen, befriedigend und wohlig. Rundherum zufrieden nach einer leckeren Mahlzeit.

Jetzt bietet unser Alltag uns aber ja leider viele Stolpersteine.

Ich habe mega Hunger, bin aber in einer Konferenz und habe keine Pause. Oder ich sitze Zuhause und habe mega Hunger, bis zum Abendessen mit der Familie ist aber noch eine halbe Stunde.

Gestern zum Beispiel hatte ich einen richtig starken Hunger und Spaghetti Carbonara zum Abendessen geplant, aber der Mann war noch nicht da und ich musste noch aushalten. Hätte ich jetzt etwas Großes gegessen, dann hätte ich aber später zur Mahlzeit keinen Hunger mehr gehabt, hätte dann aber bestimmt aus Solidarität noch mit gegessen.

Also habe ich mir einen Tee gemacht und dem Hunger gesagt, dass er noch ein klein wenig aushalten muss. Das hat gut geklappt, weil mein Körper ja jetzt die Sicherheit hat, dass er auf jeden Fall etwas bekommt.

Und wenn ich weiß, dass ich in eine längere Konferenz gehe und ich dort oft Hunger bekomme, dann sollte ich vorher noch etwas essen, auch wenn der Hunger dann noch nicht so stark ist, damit ich nicht völlig ausgehungert aus der Konferenz komme und über alles Essbare herfalle, dem ich habhaft werden kann.

Wenn man alleine ist und jederzeit essen kann, dann kann man sich von festen Essenszeiten lösen und ganz im Einklang mit seinem Hunger essen, egal wie spät es ist. Wenn man jedoch Familie hat, feste Pausenzeiten im Betrieb etc., dann kommt man um ein bisschen Planung des Hungers nicht drumherum. Und es lohnt sich, manchmal etwas Hunger auszuhalten oder doch eine Kleinigkeit zu frühstücken, damit man es bis zum gemeinsamen Mittagessen aushält.

Es ist eine Lernaufgabe, wieder im Einklang mit Hunger und Sättigung zu leben und oft wird es Rückschläge geben, aber nur so kann man lernen.

Ob ich damit abnehme? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte meine Diätmacke heilen.

Welche Diätmacke ich habe, damit befassen sich die weiteren Artikel. Viel Spaß beim Erforschen.

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2 Antworten auf „Teil 1: Essen neu erlernen“

    1. Hallo Eva,

      vielen lieben Dank. Bei mir war es eine lange Entwicklung bis zu diesem Punkt, aber ich kann nie wieder Diät halten. Und selbst wenn ich nur so bleibe wie ich bin, ist auf jeden Fall meine Lebensqualität so viel höher!

      Liebe Grüße Andrea

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