…und deine Kaline ist auch viel zu fett!

Kaline, das heißt Mädchen oder Freundin, hier im Pott. Kannte ich als Rheinländer vorher nicht.

Auf jeden Fall kommt mein Lebensgefährte von einem Besuch bei seinen Eltern wieder nach Hause und mein quasi „Schwiegervater“ lässt mir ausrichten, ich wäre auch viel zu fett.

Und mein Lebensgefährte wäre auch viel zu fett und wir sollen aufhören so spät zu essen.

Früher, noch vor ein paar Jahren, hätte ich mir die Bettdecke über den Kopf gezogen und geheult.

Heute wurde ich wütend. So wütend, dass mir schon die Hände zitterten und ich zum Hörer greifen wollte und fragen wollte, wozu das gut ist und was der Spruch mir bringen soll?

Ich kenne solche Situationen. Früher hat meine Oma oft Kommentare zu meiner Figur gemacht, und auch die Tante meiner Mutter. Na? Wieder zugenommen?

Mein Onkel sagte mir mal, als er mich länger nicht mehr gesehen hatte, er hätte sich erschrocken, wie dick ich gewesen wäre. Das sagte er aber erst, als ich wieder abgenommen hatte.

Und jetzt kommt diese Breitseite!

Früher sackte ich immer richtig körperlich in mich zusammen und fühlte mich sehr verletzt und dachte immer, aber ich tue und versuche doch alles, aber ich finde einfach keine Lösung.

Heute, da werde ich ganz groß. Ich richte mich auf und meine Brust schwillt an und ich fühle mich wie Bud Spencer, der mit seinem Bauch den Angreifer aus dem Weg schubsen will und dabei immer ruft. Na! Was willst du denn von mir? Na!…soll ich dich verhauen?

Und dazu kommt dann diese Wut.

Weil der Spruch ganz klar sagt, du bist fett und selbst schuld daran. Iss mal weniger! Das alltägliche und diskriminierende Vorurteil über füllige Menschen.

Friss einfach nicht so viel, dann bist du auch nicht so dick! Und beweg dich mal was!

Los du fette Sau, lauf und kasteie dich!

Und ein kleines Stimmchen in mir flüstert dann immer: Ja, das stimmt. Wenn ich weniger essen könnte, dann wäre ich auch nicht so dick.

Diese Stimme von früher, die sich immer verurteilt hat und dann gehungert und dann Fressattacken hatte und wieder gehungert hat. Die nahezu fast 30 Jahre Ihres Lebens verzweifelt auf Diät war.

Denn eins daran ist ja wahr:

  1. Ich bin übergewichtig
  2. Jeder kann es sehen.
  3. Ich wäre gerne dünner
  4. Ich würde abnehmen, wenn ich anders essen würde
  5. Ich könnte mehr Sport machen

Aber was ich höre sind nicht diese Wahrheiten. Nicht das von außen sichtbare.

Ich höre:

  1. Du bist so, wie du bist, nicht gut genug
  2. Wenn du nicht abnimmst, dann bist du kein wertvoller Mensch
  3. Es ist egal, wie schlau, nett, höflich und fürsorglich du bist, denn du bist einfach nur fett
  4. Fett will ich dich nicht haben
  5. Für meine fetten Sohn hätte ich gerne eine Frau, die nicht fett ist.

Und wenn ich mir das vor Augen halte, dann verfliegt diese Wut und wird zu Traurigkeit.

Der ganze Grund für all die Diäten in all dieser langen Zeit war der Versuch, für alle gut genug zu sein. Gemocht zu werden. Keine offensichtlichen Gründe zur Kritik bieten. Zu gefallen. Ein gefälligerer und besserer Mensch zu sein.

Der eigentliche Auslöser war vermutlich, dass mein erster Schwarm zu mir gesagt hat, ich wäre plump und dass meine Oma es für notwendig hielt, dass ich mit ihr Diät hielt als ich 13 war.

Sicherlich auch das Umfeld, in dem schlank sein Pflicht war und füllige Menschen gemobbt wurden, neben ganz vielen anderen Dingen, die nicht förderlich waren fürs Selbstbewußtsein.

Dabei bin ich immer der gleiche Mensch, ob mit 99 oder mit 59 Kilo.

Ich habe gute und schlechte Eigenschaften und mache bestimmt oft nicht alles richtig. Für Verhaltensweisen kann man mich kritisieren. Dann kann ich darüber nachdenken und manchmal muss ich mit entschuldigen.

Aber mein Körpergewicht ist nichts, das überhaupt Thema sein sollte.

Wem bringt dieser Spruch was? Eine kurzzeitige Erhöhung des Egos des Kritisierenden? Fühlt er sich dann besser, wenn er sein Gegenüber klein machen kann? Hat er Angst, dass andere Leute etwas dazu sagen könnten und er dann in einem schlechten Licht darsteht?

Ist es nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft. Hauptsache mal was Negatives sagen, damit ich mich selbst erhöhen kann?

Ich bin jetzt 50, ich bin keine 13 mehr und auch keine 30 und kann mich heute groß machen und als Bud Spencer sagen:

Ist mir völlig egal, ob es dir gefällt oder nicht! Schau einfach weg, wenn es dir nicht passt! Aber ich möchte mit diesem Thema nicht belästigt werden.

Und das ganz unabhängig davon, ob ich abnehme, zunehme oder vielleicht noch in die Höhe wachse.

Ich mag mich so wie ich bin. Und ob ich dick oder dünn bin ist nur äußerlich.

Wenn es jemanden wirklich interessieren würde, welche Mechanismen dahinter stehen, könnt er hier diesen Blog lesen. Ich schreibe den Blog seit 5 Jahren, lege dort öffentlich einen Teil meine Gefühle dar und suche nach einer Lösung, die für mich dauerhaft passt.

Ich tüftele und lerne kochen und schraube und lerne immer weiter, aber nur, damit das es MIR gut geht! Und nicht mehr, damit ich jemandem besser gefalle! Und ich mache überall Ausrufezeichen, weil mir das Thema am Herzen liegt.

Es war ein weiter Weg bis hierhin.

Denn das Wichtigste auf diesem Weg war, mein Selbstbewusstsein vom meinem Gewicht zu entkoppeln. Ich bin nicht mein Gewicht und ich möchte nicht darauf reduziert werden.

Habe ich einige schlechte Ernährungsgewohnheiten? Sicherlich.

Ich bekämpfe Stress mit Essen und bin ein emotionaler Esser. Das ist nicht gesund.

Deswegen arbeite ich an einer Änderung meiner Verhaltensweisen. Weil ich mich gut fühlen will und weil ich mit Essen eine schlechte Stresskompensation gewählt habe.

Ich nehme mir viele Dinge sehr zu Herzen und habe dadurch manchmal Essanfälle. Nicht das ich Bulimie hätte, sondern wenn ich mich zu sehr ärgere und stresse, dann esse ich. Danach fühle ich mich besser.

Auch das ist ein Mechanismus der Kompensation.

Auf den Spruch hin hatte ich auch ein paar Tage später einen Essanfall. War nicht so schlimm, ich habe ja meine abgepackten Tütchen, aber ich habe mehr davon aufgerissen als je zuvor. Weil es mich verletzt auf eine Äußerlichkeit reduziert zu werden! (noch mehr Ausrufezeichen!!!).

Der große Unterschied zu früher ist, dass ich weiß, dass es mich verletzt und den „Ich bin nicht gut genug“-Mechanismus kurzzeitig in Gang setzt. Hält aber nicht mehr lange an und ich bin ganz schnell wieder groß und aufrecht.

Früher wusste ich gar nicht, dass es diesen Mechanismus gab. Da habe ich mich beschimpft als verfressen, faul und disziplinlos und je mehr ich mich selbst beschimpft habe, desto schlechter ging es mir und desto mehr habe ich gegessen. Und so drehte sich die Spirale aus Diät, Selbstbeschimpfung und Diät weiter und weiter und das Gewicht stieg und stieg.

Die meisten Mitmenschen wissen gar nicht, was so ein lapidar daher gesagter Satz auslösen und wie sehr er triggern und verletzen kann. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass das Übergewicht dadurch verstärkt werden könnte.

Und niemals nie fragt jemand den Übergewichtigen, ob es ihm gut geht und wozu er diese Mengen Nahrung braucht, die ihn dick werden lässt.

Als ob die Pfunde mein Gegenüber persönlich beleidigen würden!

Rein äußerlich betrachtet ist man dick, weil man zuviel isst…dass Warum, das Nahrung im Mund verschwinden lässt, lässt sich eben nicht auf Willenlosigkeit und Faulheit reduzieren.

Ich habe in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, trotz Übergewicht ein gesundes Ego und Selbstbewusstsein zu haben und in solchen Situationen merke ich, wie weit ich schon gekommen bin. Und dann bin ich sehr stolz auf mich!

Das alles lässt meinen eigenen Wunsch, weniger zu wiegen, natürlich nicht kleiner werden und auch nicht verschwinden. Aber nicht mehr um jeden Preis.

Habt euch bitte selber lieb…gedankenlose Kritiker wird es immer geben.

Eure Andrea

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